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Kinderheim Neustadt-Waiblingen Bühr

Antworten im Thema: 8 » Der letzte Beitrag (16. August 2017, 12:59) ist von AnjaTM.

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Forengeist

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Steinbock

1

Freitag, 5. November 2010, 23:47

Kinderheim Neustadt-Waiblingen Bühr

Wenn Du in dieser Einrichtung warst, kannst Du hier alles posten,
an was Du Dich erinnerst
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andres

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Wassermann

2

Samstag, 13. Februar 2016, 12:33

Irgendwann muss ich ja mal den Anfang machen. Also gut:
Ich war von 1970 bis Herbst 1973 in diesem Heim, oder Anstalt oder wie immer man diesen Laden auch nennen soll. Also ziemlich am Ende dieser Einrichtung die es ja wohl schon seit der Nachkriegszeit gab.
Wer zu dieser Zeit da war, wird sich vielleicht an mich erinnern: ich war der jüngste unten und das letzte Kind das dort eingewiesen wurde. Nach meiner Erinnerung kam nach mir noch ein Mädchen mit einer Brille und zwei langen Zöpfen, die die ganze Zeit nur geweint hat, aber sie hatte wohl Glück und war nach kurzer Zeit wieder draußen. Geweint habe ich allerdings dort auch viel, bis ich irgendwann keine Tränen mehr hatte. In diesem Heim wurde mir meine Kindheit gestohlen und meine Jugend vergiftet, davon vielleicht später.

Wart ihr auch in diesem Heim? Habt womöglich sogar noch Bilder? Ich würde mich sehr freuen, wenn wir in Kontakt kommen. Ich habe sporadisch noch Kontakt zu ein paar weiteren Opfern aus dieser Zeit. Und ich habe gesehen, dass hier im Forum 2 weitere sind die eher in der Anfangszeit im Heim waren, als es einen Herrn Reichert noch gab, der dann später ein anderes Heim aufgemacht hat. War damals die Heimleiterin auch schon so sadistisch und die Atmosphäre so gewalttätig?

Mich interessiert noch eine Frage: 1974 stand die Frau Bühr wegen Misshandlung von Kindern vor Gericht. Weiß jemand etwas näheres und wie es ausging? War dies der Grund warum das Heim 1974 geschlossen wurde?

Ich freue mich auf viele Antworten
Andres
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Johnny

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Widder

3

Samstag, 13. Februar 2016, 21:08

Danke für deinen Beitrag, andres... :thumbup:

andres

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Wassermann

4

Montag, 15. Februar 2016, 02:17

Einweisung ins Kinderheim Bühr – oder was sind Erinnerungen eigentlich wert?

Eine der Spätfolgen meiner Heimzeit ist, dass ich erstmal niemanden mehr traue, fatalerweise auch mir selber nicht (dazu kommt noch dass wenn ich mal zu jemanden Vertrauen gefasst habe ich ziemlich gutgläubig - andere sagen naiv – bin, beides zusammen ist eine verheerende Kombination). Was soll ich also anfangen mit Erinnerungen, die ich nicht gerufen habe, die ich überhaupt nicht gebrauchen kann, die heftig sind und ich stelle mir die Frage „kann das denn überhaupt stimmen?“
Eine andere Spätfolge beruht auf der Erfahrung, dass man Heimkindern eh nicht glaubt, glaub ich mir selber? Vielleicht ist das der Grund warum ich immer so sehr auf der Suche nach Akten, nach Beweisen bin. „Seht her, hier ist ein Urteil, im Kinderheim Bühr wurden Kinder misshandelt. Glaubt ihr mir jetzt?“.
Meine Erinnerungen sprechen von Schlägen ins Gesicht oder seltener aber dafür umso eindringlicher von Schlägen mit dem Gürtel auf den nackten Hintern (und das Arschloch hat voll durchgezogen) und vor allem von Demütigungen (die Erinnerungen könnten vielleicht auch noch von Missbrauch reden, aber daran will ich mich nicht und werde ich mich nicht erinnern und vor allem werde ich es nicht aufschreiben). Und in den Erinnerungen waren die Demütigungen schlimmer; an die Schläge konnte man sich gewöhnen, sie haben wehgetan, aber irgendwann war der Schmerz vorbei und man konnte auch versuchen ihnen aus dem Weg zu gehen. Die Demütigungen trafen mich zumindest immer tiefer, unvorbereitet, unvermittelt und der Schmerz war anders, hinterhältiger und vor allem dauerhaft.
Und gleich mit der Erinnerung kommt immer sofort auch die Frage „Warum“ hinterher.
Bringt doch nichts, diese Frage, wird mir oft gesagt, ist alles Vergangenheit, lässt sich nicht mehr ändern. Richtig, aber genauso hinterhältig wie sich die Erinnerungen ins Hirn schleichen, drängt sich halt auch diese Frage in den Vordergrund und will einfach nicht verschwinden.
Also gut, dann stelle ich halt mal die Frage warum kam ich 1970 ins Heim und die Erinnerung gibt mir ganz schnell die Antwort: weil du nicht brav warst, weil du nicht gehorcht hast, weil du gebrüllt und deiner Mutter das Leben schwer gemacht hast, weil du böse warst. Und auch damals war einem knapp 7 jährigen klar, auch ohne Fernsehen, Polizeiruf 110, SoKo Dingenskirchen, etc., wenn man böse ist kommt die Polizei und man muss ins Gefängnis. Es kam zwar nicht gerade die Polizei und das Heim hatte auch keinen Stacheldraht auf den Mauern, aber im Großen und Ganzen stimmte das Bild.
Aktion – Reaktion!
Und was sagen die Akten? Die Akten lügen nicht, nur manchmal muss man halt sie richtig lesen. Die Akten erzählen eine etwas andere Geschichte, am Anfang ist in einem psycholog. Gutachten (da war ich 6) auch viel von meiner Mutter die Rede und da lese ich solche Sätze:

Zitat

eine [gewünschte] Abtreibung konnte nicht realisiert werden
Das habe ich nicht gewusst, es hat mich erschüttert, aber nicht wirklich überrascht, denn gefühlt hatte ich das irgendwie immer.
Oder aber:

Zitat

Die Mutter erschien schlecht gekleidet, ungepflegt und roch stark
Daran konnte ich mich allerdings erinnern; später als ich aus dem Heim wieder „zuhause“ sein musste, durften mich keine anderen Kinder besuchen, denn die Wohnung war ziemlich versifft und als Jugendlicher, als mir diese Frau nichts mehr vorschreiben konnte, habe ich mich zu sehr geschämt, als dass ich jemand mitgebracht hätte.
Natürlich ist in den Akten hauptsächlich von mir die Rede. Z.B. 1969 – vor dem Heim

Zitat

Er zeigt sich während der Untersuchung recht willig und anstellig und ist sehr kontaktfreudig. Wenn er gefragt wird, antwortet er bereitwillig und ohne zu zögern. Der Junge ist aufgeweckt und interessiert […] Die Untersuchen der intellektuellen Fähigkeiten erbrachte eine dem Alter voll entsprechende Intelligenz
In dem Gutachten wird festgestellt dass mich die „Abnormität der Familiensituation“ überfordern würde und es müsse eine Lösung her „die dem Jungen eine harmonische Umgebung bringen sollte.“ Ich kann irgendwie sogar nachvollziehen, dass mich das Jugendamt von „zuhause“ rausholen wollte. Eine harmonische Umgebung fanden sie dann allerdings ausgerechnet im Kinderheim Bühr. Gut 18 Monate später steht in den Akten

Zitat

A. ist in der Schule nach wie vor schlecht. Er hat inzwischen auch jegliches Selbstvertrauen verloren
… und etwas später …

Zitat

Der körperlich sehr zarte Junge tut sich unendlich schwer unter Gleichaltrigen
Ja, und noch schwerer tat ich mich unter den Älteren, also den meisten anderen in diesem Heim für die ich das gefundene Opfer war. Alles schön dokumentiert. Mit Aktenzeichen und Eingangsstempel versehen und akkurat abgeheftet, denn Ordnung muss in den Akten sein. Und Fragen stellt man nicht in Jugendamtsstuben woher so schnell eine Verhaltensänderung auftritt.
In der Grundschule gab es damals noch Noten für Verhalten und Mitarbeit. Das Verhalten war gut, die Mitarbeit noch befriedigend oder unbefriedigend. So viel zum aufgeweckten und interessierten Jungen. Ob da wohl irgendwas passiert sein könnte in der Zwischenzeit?
Die 3. Klasse musste ich wiederholen. Herbst 1973 wurde ich dann ganz plötzlich entlassen, Mitte 74 das Heim geschlossen (wegen dem Gerichtsverfahren wegen Kindesmisshandlung? Ich weiß es einfach nicht). „Zuhause“ hatte sich nichts verändert, nur ich mich gewaltig. Und dann habe ich irgendwann rebelliert. Mit 15 zwei Mal vor Gericht wegen Ladendiebstahl und Einbruch – eine klassische Heimkarriere eben. Mit 16, nach der Hauptschule, ohne Aussicht auf eine Lehrstelle, so war das damals Ende der 70er Jahre im goldenen Westen. Immerhin war ich noch schulpflichtig und musste jeden Tag ziemlich weit in die nächste große Stadt in eine Berufsfachschule zur Vorbereitung auf das Arbeitsleben, in der ich, weg von zuhause und ohne das mich jemand kannte, plötzlich Klassenbester wurde und dann doch einen ganz anderen Weg eingeschlagen habe. Mit 16 bin ich vor der Vergangenheit davongerannt, mit 25 hatte ich sie vergessen, bin aber aus Gewohnheit weitergerannt, immer wieder gestolpert, aufgestanden und weiter und weiter. Und niemals hatte ich bemerkt, dass die Vergangenheit immer drei Schritte hinter mir gewesen ist. Bis zum letzten Stolpern, da hat sie mich eingeholt.

Und nun, was sind nun diese Erinnerungen wert? Nichts!
Stimmen sie? Wer weiß das schon.
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andres

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Wassermann

5

Dienstag, 16. Februar 2016, 13:25

Ich habe jetzt hier schon viel über die verschiedenen Heimtypen oder träger gelesen. @JW1HAL: vielen Dank für deine Links über das Heimsystem in der DDR.

Das Kinderheim Bühr war in Bezug auf den Träger etwas spezielles. Es gehörte zum Verband der Privaten Kinderheime, war also in privater Trägerschaft.
Das ist jetzt nicht zu verwechseln mit Privatheimen oder Internaten, in die die Superreichen ihre verwöhnten Sprösslinge abschieben, damit sie dort Kontakte zu den zukünftigen Superreichen bekommen (aber in Deutschland gibt es ja keine Vetterleswirtschaft).
Auch in private Kinterheime wurde man von Amts wegen eingewiesen vom Familiengericht auf Antrag der Jugendämter und sie standen unter staatlicher Aufsicht. Theoretisch. Praktisch hat man wahrscheinlich übeprüft ob die Steuern bezahlt wurden (* dazu noch eine Anmerkung).

Und warum kommt man auf die Idee ein Kinderheim zu eröffnen um sich mit vielen Kindern aus sogenannten Problemfamilien zu beschäftigen. Ganz sicher aus altruistischen Gründen, weil man das Leid der armen Kinder verbessern will und auch diesen ausgestoßenen Kindern eine gute Erziehung angedeihen zu lassen. Ganz bestimmt war das so. Oder?

In der Waiblinger Kreiszeitung vom 27. Juni 1972 fand ich im Lokalteil einen Bereicht über fehlende Pflegefamilien im Landkreis. In dem Bericht stand weiter, dass der Kreis im teuersten Kinderheim einen Tagessatz von 45 DM pro Kind bezahlen muss. 45 DM. Das Kinderheim Bühr war nun nicht das teuerste Heim, also geh ich mal von 2/3 also 30 DM aus. In dem Heim, ich habe es mal mit anderen Mitopfern versucht zu überschlagen, gab es zwischen 50 und 70 Plätzen. Genaue Zahlen haben wir nicht. Also gehe ich mal von 50 Kindern aus.
50 x 30 = 1.500 DM/Tag das macht im Jahr 547.000 DM. Eine halbe Million pro Jahr, das war in den 70er Jahren so viel, wie ein guter mittelständiger Betrieb Umsatz hatte. Es ging also ums Geld. Wir waren Positionen in einer Einnahmen-/Ausgaben-Rechnung. Die Einnahmen waren klar, jetzt muss man nur die Ausgaben reduzieren. Und das konnte die Heimleiterin, sie war ja in Schwaben, da lernt man das sparen. Sie konnte genauso gut sparen, wie sie brüllen und schlagen konnte. Manchmal, nur manchmal, hätte ich mir gewünscht ich wäre in einem konfessionellen Heim gewesen, da wäre ich auch gedemütigt und geschlagen (und weiters) worden, aber ich wäre wenigstens eine verlorene Seele, die man retten oder vom Teufel befreien muss gewesen. Im Kinderheim Bühr hingegen waren wir nichts weiter als Objekte, Gegenstände in einer Pfandleihe die man irgendwo abstellt. Sonst nix.

(*Anmerkung: selbst die formalen Sachen wurden nicht richtig überprüft. Einer der anderen Opfer aus unserem Heim hat erzählt, dass er Schwierigkeiten hatte, seine Zeiten im Kinderheim Bühr gegenüber dem Fond nachzuweisen. Er war bis zum Schluß Mitte 74 im Bühr und kam zusammen mit ein paar anderen dann in das andere Kinderheim in Neustadt. Aber für die Bühr Zeiten gab es keine Belege und er war auch nicht auf der Gemeinde in Neustadt angemeldet mit Wohnsitz und so. Was auch immer die Bühr sich dabei sparen wollte. Er konnte seinen Aufenthalt dann glücklicherweise dann noch anhand von Akten der Schule beweisen)
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Wassermann

6

Dienstag, 1. März 2016, 00:13

Aus dem Heim entlassen - oder einmal Heimkind immer Heimkind

Und noch eine - wahrscheinlich letzte Geschichte - über mich aus dem Kinderheim Bühr.

Ich würde mich riesig freuen, wenn andere aus diesem Heim mit mir Kontakt aufnehmen würden und vielleicht auch was schreiben. Gerne auch nur per PN (Private Nachricht) falls ihr nicht gerne in der Öffentlickeit etwas schreibt.

+++++++++++++

Meine Entlassung aus dem Kinderheim Bühr ging nach meiner Erinnerung, aber auch nach der Erzählung von anderen ratz-fatz über die Bühne. Ich habe es vielleicht eine Woche, mit Sicherheit keine zwei Wochen vorher davon erfahren. Ich wurde eines Tages in das berüchtigte Büro der Heimleiterin links neben der Eingangstür gerufen. Dort erhielt ich die zu erwartende Standpauke von wegen wie undankbar ich sei, von irgendwelchen Lügengeschichten, die ich erzählen würde (ich hatte keine Ahnung wovon sie redete), aus mir würde sowieso nichts werden und ich würde schon sehen wohin das alles führe, aber auf jeden Fall zu nix Gutem. Bis dahin war also alles normal und dann war ich aus ihrem Büro auch schon wieder entlassen ohne die gewohnten Ohrfeigen, das allerdings war höchst ungewöhlich. Ich wurde dann glaube ich noch eimal beim Essen vor allen anderen rund gemacht, aber das war es dann auch, danach kam nichts mehr. Eigentlich war es weniger als nichts, ich war von da ab Luft, nicht existent. Nicht dass das mir irgendwas ausgemacht hätte, im Gegenteil, aber anscheinend hatten die "Tanten" die Anweisung mich zu ignoriren und vor allem mir nichts mehr zu tun. Befürchteten sie vielleicht irgendwelche sichtbaren Zeichen der Misshandlungen im Heim? Es müssen die besten zwei Wochen dort gewesen sei, ich hatte Narrenfreiheit und war zudem endlich eimal unter den anderen was besonderes, denn ich durfte ja bald raus. Abgeholt hat mich dann bestimmt mein Vater, wer auch sonst - keine Erinnerung mehr daran. Bei ihm durfte ich dann auch noch zwei Wochen oder so bleiben, bevor ich dann wieder in die Wohnung von ...
... der Frau geschickt wurde, die mich auf die Welt bringen musste und dann ins Heim gebracht hat.

Tja und dann musste ich auch wieder in die Schule. 30 - 40 Minuten Fußweg, eine Strecke, auf dem Rückweg meist doppelt so lang ;) . An diesen ersten Schultag kann ich mich allerdings sehr genau erinnern. Ich wurde vor die Klasse gestellt und mit den Worten vorgestellt: "Das ist Andres, der ist ab jetzt bei euch(!) in der Klasse. Vorher war er in einem Erziehungsheim". Vielen Dank, aufgrund der hervoragenden und einfühlsamen Pädagogik hatte ich dann gleich mein Stigma fast bis zum Ende (habe ich an irgendeiner Stelle eigentlich schon mal erwähnt, dass ich Lehrer hasse?). Ich wurde in die hinterste Reihe rechts in eine leere Bank gesetzt und da blieb ich im großen und ganzen die restliche Zeit. Ab und an wurden Störenfriede zur Strafe neben mich gesetzt, meist nicht lange. Freunde hatte ich keine, oder erst am Ende der Hauptschule in der Klasse. Ich war ein Einzelgänger, verhaltensgestört, lernbehindert, ungeschickt, unsportlich, unattraktiv, schlecht gekleidet (meine Anziehsachen kamen meist von der Kleiderspende der AWO). Beim Schulsport war ich immer der letzte der in eine Mannschaft gewählt wurde, ich konnte keine Bälle fangen. (Sehr viel später, bei der Bundeswehr, als man meinte meine Schießausbildung sei Munitionsverschwendung, hat man einen simplen Grund dafür gefunden, ich hatte einen Sehfehler, den man als Kind ganz leicht mit einer Brille dauerhaft hätte korrigieren können. Allerdings haben die sich beim Bund getäuscht: Im Ernstfall hätte ich, Brille hin oder her, sehr wohl gewußt auf welche Leuteschinder ich schießen muss und auch getroffen). Meine Schulzeit am Anfang habe ich abgesessen. Unbeteiligt, unauffällig, froh wenn ich nichts gefragt wurde.

Nach ca. 8 Wochen kam nochmal so eine Tussi vom Jugendamt vorbei, darüber gibt es meinen letzten Akteneintrag und ich kann mich sogar an die Szene erinnern. Die Frau bei der ich wohnte hat sich anscheinend bitter über mich beklagt. Ich sei faul, ungezogen, würde keine Hausaufgaben, dafür immer noch ins Bett machen. Wobei das mit den Hausaufgaben hat die Frau eh nur registriert, wenn mal wieder ein Brief aus der Schule kam. Ich würde auf keine "Erziehungsmaßnamen" reagieren. Damit hatte sie womöglich recht, ich bin von Profis gedemütigt und geschlagen worden, alles was diese Frau hinterher versucht hat, war unterste Amateurliga und konnte mich gar nicht mehr beeindrucken. In der Akte steht

Zitat

Sie sieht viel zu viel schlechtes in dem Jungen
, aber auch

Zitat

Der Junge ist schwierig und nützt die Unsicherheit der Mutter aus
Wie bitte? Ich war noch nicht mal 11 und sie bald 40. Wer wurde hier benutzt, ausgenutzt? Aber klar, das Heimkind war schuldig.
Und dann kommt in der Akte der Hammesatz:

Zitat

Ins Heim will er auf keinen Fall wieder zurück
Hallo? Mir wurden Vorwürfe gemacht, weil ich so schlecht bin und dann werde ich mal so eben gefragt (oder war es eine Drohung) ob ich wieder ins Heim wolle?
Natürlich wollte ich nicht mehr ins Heim zurück, wo man geschlagen wird, zu der Hexe die kleine Kinder frißt.
Natürlich wollte ich wieder ins Heim zurück, denn da kannte ich meine Rolle und hatte wenigstens andere Kinder die mit mir redeten, mit denen ich manchmal spielen konnte. Die Schule dort war genau so scheiße und ich genau so lethargisch, aber in der Pause hat man mich in Ruhe gelassen, denn da waren immer noch die älteren Bühr-Kinder. Und egal welchen Status ich intern hatte, nach aussen hin wurde ich beschützt.
Aber die erfahrene Sachbearbeiterin wäre solch differnzierten Ansichten unsicher gegenüber gestanden. Zu ihrer Entschuldigung muss man vielleicht sagen, dass ich damals vielleicht auch noch nicht differenziert formulieren konnte. Zum Schluß stand der Hinweis ans Amt "Laufende Betreuung notwendig" Von wem eigentlich? Von mir oder der Frau? Aber eh egal, danach ist "laufend" nie wieder jemand aufgetaucht.
Meine Heimzeit war mit der Entlassung also noch lange nicht vorbei. Und ich entdecke jetzt Verhaltensweisen an mir, die ein ganz typisches Muster ergeben. Schauderhaft.

Ich habe hier im Forum ettliche Geschichten von Heimkindern gelesen, die viel mehr durchgemacht haben müssen, von getrennten Geschwistern, von Aufenthaltsstakaten vom Kleinkindalter bis zum Ende der Ausbildung, von noch mehr Gewalt, von noch mehr Missbrauch und ich frage mich ob es irgendwo eine Grenze der Leidensfähigkeit gibt? Hätte ich noch mehr ertragen können, wäre ich abgestumpfter?
Es gibt einige wenige Einträge hier im Forum, viel zu wenige, wo sinngemäß steht: Meine Heimzeit war die beste Zeit in meinem Leben, klar war es manchmal hart, aber wir wurden mit Respekt behandelt, hatten unsere Pflichten aber auch unsere Rechte, wir haben lernen müssen miteinander umzugehen aber durften auch Kinder sein.
Ich denke in so einem Heim wäre ich gerne gewesen und es wäre bei weitem besser als im "Da-Heim" gewesen. Aber ausgerechnet das Kinderheim Bühr?
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Skorpion

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Mittwoch, 2. März 2016, 09:19

unfasbar

Hallo Andrésdeine gGeschichte berüht mich sehr ,zumahl meine Ähnlichkeit ist.man bekommt jedes mal eine Gänsehaut.LG Hein(i) Man liest und liest.und hoft mit einem guten Ende. Mir selber fällt es schwer über meine Geschichte zu schreiben ,aber da habe ich meine Frau ,die mir viel dabei unterstützt. Ich werde es sich auch noch mal tun.mus aber erst noch rausfinden wo genau ich dies als Beitrag schreiben mus.denn ich Lande offenbar immer falsch hier. :(.

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Wassermann

8

Mittwoch, 2. März 2016, 13:34

Lieber Heinz(i),

ja, mir ist das auch schon aufgefallen, dass viele der Lebenserzählungen sehr ähnlich sind, egal ob Ost oder West; die Farbe des Parteibuchs oder Gesangbuches war anders, aber die Prinzipien ähnlich.

Mir selber fällt es schwer über meine Geschichte zu schreiben

Nimm dir alle Zeit die du brauchst. Du schreibst die Geschichte nicht für andere, sondern nur für dich, wir anderen sind dann dir dankbar wenn wir an deiner Geschichte teilhaben dürfen.
Mach dir keinen Druck, wenn du bereit bist, dann erzähl sie so, wie dir der Schnabel gewachsen ist, dann wird es richtig gut.

Der Ort wo du das rein stellst ergibt sich dann von selbst oder wir helfen dir gerne die richtige Stelle zu finden.

Alles Gute und viele Grüße

Andres
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Mittwoch, 16. August 2017, 12:59

Hallo meine Mutter wurde dort damals schwer Misshandelt.
Lieber Andreas könntest du bitte mit uns Kontakt aufnehmen?

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