Wie kamt ihr nach dem Heim mit eurem Leben klar?

    Es gibt 87 Antworten in diesem Thema. Der letzte Beitrag () ist von anklip.

      Die Frage ist doch, was nützt mir die Vergangenheit für mein weiteres Leben, also für die Zukunft?

      Man kann mal zurückblicken, um darüber zu berichten, es weiter zu geben, dafür zu sorgen, dass es nicht so schnell vergessen wird. Alles andere wäre wohl doch sehr sinnfrei, weil man daran nun mal nichts ändern kann, egal was man macht.

      Nur die Zukunft kann man ändern und auch nur darauf sollte man sich konzentrieren.
      Wer lesen kann ist klar im Vorteil!

      Das ist richtig, auf die Zukunft sollte man sich auf jeden Fall konzentrieren und das Leben leben, solange man es noch selbst beeinflussen kann.
      Klar habe ich mein Leben lang immer mal wieder an diese Zeit von damals zurück gedacht. Ich habe mich auch gefragt, was aus den ehemaligen Jugendlichen geworden ist und ob alle den Start ins Leben gut geschafft haben. Dann lange Zeit nicht mehr daran gedacht, denn zu verarbeiten hatte ich direkt eigentlich so gut wie nichts, ausser dass man mir wertvolle Zeit gestohlen hatte. Kontakte hatte ich bis dahin keine. Dann zog das Internet ein. Bei AOL 10 Stunden im Monat, damals noch mit einer DVD?
      Ich habe bei Google "Jugendwerkhof Burg" eingegeben und plötzlich war ich im Forum von Mike Jung und die Vergangenheit hatte mich wieder. Ich fand auch sofort eine Ehemalige aus meiner Gruppe wieder, die Freude war groß, hielt jedoch nicht lange an. Besonders ein User tobte durch das Forum und machte einigen das Leben zur Hölle.
      Schon oft habe ich mich in selbst auferlegte Pausen begeben und Tschüß zum Forenleben und der Vergangenheit gesagt. Ich habe an vielen Treffen teilgenommen, war einige Male in Burg und habe aber auch sehr wertvolle Frauen kennen gelernt, zu denen heute noch freundschaftliche Kontakte bestehen. Dafür bin ich dankbar.
      Es zog mich aber immer wieder ins Forum, sicherlich weil ich ein Teil dieser Gemeinde bin.

      Mozart schrieb:

      "...aber es gibt Licht und Schatten..." So könnte ich "das Leben danach" mit wenigen Worten auf den Punkt bringen. Ich bin dankbar dafür, dass es mir gelungen ist, ein selbstbestimmtes Leben führen zu können. Dazu brauchte ich ein Umfeld, in dem so etwas möglich ist.


      Wem bist du dankbar? Deinem Umfeld oder deiner Intuition, die dich geführt hat? Natürlich braucht jeder jemanden, damit man es schafft. Auch ich behaupte, halbwegs soweit auf eigenen Beinen zu stehen und vielleicht gab es sogar Leute, die an einen geglaubt haben? Somit geholfen haben, nicht fallen gelassen haben?

      Nichts kommt von nichts und dankbar kann ich auch jmd. sein, mich bisher ertragen zu haben. Ansonsten wächst Selbstvertrauen auch dadurch, in dem man lernt, gegen den Strom zu schwimmen. Das kann weh tun aber es gibt dir auch Kraft, an dich selbst zu glauben, dir zu vertrauen, auch wenn viele Zweifel da sind und das ist gut so.am Ende spielt dennoch auch Glück und sogar Zufall eine Rolle.
      Es ist nicht das Ziel des Lebens, auf Seiten der Mehrheit zu stehen, sondern man muss versuchen, nicht im großen Heer der Verrückten zu landen. Mark Aurel

      iwo schrieb:

      Ja, wie kam man zurecht?
      Entlassung mit 17,5 Jahren zurück ins intakte Elternhaus. Das war im August 1972. Im September dann eine Lehre begonnen und in dem Betrieb bin ich dann bis 1988 geblieben.
      Von meiner Vergangenheit wusste nur der Kaderleiter. Seit dem stand ich bis auf ein paar ganz kurze Unterbrechungen und einer erneuten Ausbildung immer in Arbeit.
      Was habe ich gelernt aus meinem Aufenthalt im Heim/Jugendwerkhof?
      Gesundes Misstrauen allem und allen gegenüber aufzubauen. Nein eigentlich nicht aufbauen, es ist sofort da. Mich hat der Aufenthalt dort eher gestärkt, meine Rechte nach der Entlassung sofort durchzusetzen.
      Mich von NIEMANDEM mehr unter Druck setzen zu lassen. Und ich habe mich nie wieder verbogen, nur um anderen Leuten zu gefallen.
      Das war vorher nicht so, da wollte man zur Gruppe dazu gehören und hat Dinge getan, die oftmals nicht richtig durchdacht waren.
      Nach 2009 habe ich ganz offen über diese Zeit und die Vergangenheit in meinem Umfeld gesprochen und stieß eigentlich nie auf Ablehnung. Meist waren die Zuhörer sogar entsetzt, was man mit uns Jugendlichen zu der damaligen Zeit angestellt hat, nur weil wir ANDERS dachten.


      Hey, woher kennst du mich?
      Das hätte auch meine Geschichte sein können, bis auf das ich mir auch schon in der Heimzeit habe nicht viel gefallen lassen.
      Gesundes Misstrauen ist immer gut, denn es ist ein natürlicher Schutzinstinkt und schützt einen vor Gefahren.

      Ich für mich kann grundsätzlich sagen, so hart die Zeit in den Heimen auch gewesen ist, mich hat es vor allem mental hart fürs Leben gemacht. Niemand tanzt mir auf der Nase rum, ich setze mir Ziele und erarbeite sie mir im Anschluß, ich bin aufgrund des im Heim erlebten, als Mann unabhängig, kann kochen, Socken stopfen, Wäsche waschen etc, alles was man eben im Alltag braucht. Rückblickend kann ich sogar vieles Positive sehen, was ich so, bei den Eltern lebend nie erlebt oder erlernt hätte. Wir haben im Heim als Kinder so viel Blödsinn angestellt und ausgelebt, da wäre zu Hause die Schmerzgrenze meiner Eltern schon lange überschritten gewesen. Das Friss oder Stirb-Leben hat mich gelehrt, immer nach dem höchsten aber machbaren zu streben. Und es funktioniert.
      Ich war 15 Jahre alt als ich aus dem Heim entlassen wurde und wohnte dann bei meinen Eltern. Am meisten habe ich die Freiheit genossen. Im Heim lebte man immer nach der Uhrzeit. Jede Stunde war genau geplant. Meine Eltern wohnten ca. 30 km von der Schule entfernt, die ich bis zu diesem Zeitpunkt besucht hatte. Ich durfte diese Schule auch weiterhin besuchen. Da die Busverbindungen sehr schlecht waren, musste ich sehr früh aufstehen. Ich war dann immer schon um 7.00 Uhr an der Schule, obwohl die Schule erst um 8.00 Uhr begann. Aber das war mir egal. Besonders schön war es, nach der Schule mit meinen Klassenkameraden zusammen etwas zu unternehmen. Das durfte ich zu meiner Heimzeit nie.
      Ich weiß noch, dass ich mir als erstes eine Beatles LP gekauft habe. Die Beatles waren eigentlich schon lange out, aber ich hörte sie gerne, manchmal stundenlang.
      Zur Schule bin ich auch immer gerne gegangen und habe auch danach eine Berufsausbildung abgeschlossen.
      Über meine Zeit im Heim habe ich allerdings kaum gesprochen. Ich hatte immer das Gefühl nicht richtig verstanden zu werden. Wenn man nicht selbst in einem Heim gross geworden ist, kann man das nicht wirklich nachvollziehen. Das glaube ich zumindest. Manche stellten sich das Leben im Heim sogar sehr schön vor, andere wiederum sprachen von meinen Eltern als "Rabeneltern". Nee danke, ich habe es dann gelassen davon zu erzählen. Heute weiß aus meinem Freundes-und Bekanntenkreis keiner, dass ich mal im Heim war.
      Ich weiß nur, dass ich mir sehr viel später, also erst, als das möglich war, Rolling Stones Platten gekauft habe, dabei hatte ich das Meiste eh schon auf Tonbandern gespeichert, doch das reichte natürlich nicht, um seine Idole zu hören. Bisher hörte ich die Bänder nur in schlechterer Stereo-Qualität. Die Platten, auch viele, die ich noch nicht auf Band hatte, hatten nun eine ungleich besere Qualität, die ich dann verrückterweise auch wieder auf Tonband, dieses Mal Kassetten umgeschnitten hatte, damit man sie auch unterwegs hören konnte. Natürlich hatte die Musik auch etwas damit zu tun, wie man nach dem Heim klar war, denn der Inhalt einer Reihe der songs reflektierte einen Teil der Kindheit und Jugend und nach der Entlassung lebte ich diese Musik, so wie Musik nach wie vor ein wesentlicher Bestandteil meines Wesens blieb.

      Ansonsten gab es auch so einige Konflikte, die nach der Heimzeit sporadisch immer wieder einmal mitschwangen und das Leben einerseits leichter machten, andererseits aber auch in Konflikte gerieten ließ, die vielfach auch mit dem früheren familiären Umfeld und damals unbewältigter Konflikte zu tun hatten. Erst gestern musste ich dazu wieder einmal bei jemandem auf den Tisch hauen, denn Lügen ertragen, nie wieder! Manches wäre nie geschehen, wenn es Konflikte derer nicht gegeben hätte, die uns in die Welt setzten, sie uns einerseits fesselten, mit Liebe erdrückten, manipulierten und andere Teile von ihnen logen, sie sich die Welt schön redeten, dabei war vieles falsch und innerlich war man doch nie frei.

      Der Weg, sich seine vermeintliche Freiheit zu nehmen, der war lang und nie einfach. Für andere war das hart doch woher die eigene Härte kam, danach wurde nie gefragt. Am Ende, wenn alles immer nur verdrängt wurde, kommt doch alles auf den Tisch und dann ist es zu spät.

      Es ist nicht das Ziel des Lebens, auf Seiten der Mehrheit zu stehen, sondern man muss versuchen, nicht im großen Heer der Verrückten zu landen. Mark Aurel

      Dieser Beitrag wurde bereits 3 mal editiert, zuletzt von „Leser“ ()

      Es ist wieder etwas Zeit vergangen, zum Glück!
      In mir ist es nun viel ruhiger geworden. Manchmal erwische ich mich dabei mich selber zu beobachten und stelle fest, dass mein Leben gar nicht oberflächlich ist wie ich es bei anderen Menschen beobachte die unter normalen Umständen aufwachsen konnten. Vielmehr habe ich festgestellt, dass diese normalen Menschen auch alle ihr Paket zu tragen haben und das ich oft nicht mit ihnen tauschen würde. Selbst 'heile' Familien haben ihre Abhängigkeiten die ich so gar nicht mag!
      Oft ist es sogar so, dass meine Bekannten gar nicht mitbekommen wie schräg sie sind. Manchmal tun sie mir sogar leid...
      Irgendwie legt sich da mein Neid...
      Aktuell mache ich meinen 'Tauchlehrer', Tauchen ist cool! Kann ich nur jedem empfehlen. Schwimmen gehen, irgend einen Sport machen, sich die Menschen anschauen und verstehen wie sie ticken. Die kochen alle nur mit Wasser!
      Niemals aufgeben!
      So ist es. Nicht aufgeben. Ich für mich hatte zumindest den Eindruck, dass man nach der Heimentlassung immer besser sein müsste, mehr kämpfen musste, als Andere, um Anerkennung zu erfahren, wobei das nicht der Grund war, weswegen ich begann, mich mit Dingen zu befassen, die andere nicht machten oder mochten, weil sie mit Schule und lernen zu tun hatten. So begann ich schon früh, mich mit Fremdsprachen zu befassen, übersetzte mit 15, 16 Musiktexte usw. Dieses Hobby eröffnete mir tatsächlich Wege, die ich nur dadurch genommen habe, andere Dinge zu machen, die man in frühen Jahren vermutlich eher nicht macht. Irgendwie lernte ich dadurch zugleich, dass man nur durch Leistungen weiterkommt. Das ständige Lernen funktionierte und durch ein, zwei Zufälle war ich ab 21 dort, wo ich nie glaubte, als jemand der doch gar kein Selbstvertrauen hatte und Selbstzweifel, jemals hinzukommen, Das bekam ich im Elternhaus nicht und im Heim erst recht nicht. Andere gingen in die Kneipen, ' ok. Paar Mal ging ich mit - ich lieber in Schulen, andere lachten, ich lernte und das Außenseiterdasein ging so weiter.

      Von da an machte ich weiter und begann die nächsten Ziele in Angriff zu nehmen und siehe da, dadurch gelang es sogar, mehr Gehalt zu bekommen und ich lernte kämpfen, sich gemeinsam mit Anderen durchzusetzen. Damit begann, zumindest, den Glauben an sich selbst zurückzufinden und alles erst einmal was früher war, hinter sich zu lassen, vergessen zu können und dennoch war nichts vergessen.

      Insgesamt war mein Beweggrund, so zu handeln, es mir selbst zu beweisen, dass man vielleicht doch kein Versager war oder jmd., dem man nichts zutraute. Der Weg dauerte und heute, muss ich mir von niemandem sagen lassen, ich hätte aus dem, was ich mache und gemacht habe, nichts geschafft.

      Eines darf man nämlich nie machen, Menschen zu unterschätzen.

      Von nichts kommt nichts, heisst es nicht umsonst oder glaubt jemand, manche tun nur so wie sie scheinen wollen?

      Für alles zahlt man einen Preis nur hat nie jmd. gefragt wie hoch der ist.

      LG
      Es ist nicht das Ziel des Lebens, auf Seiten der Mehrheit zu stehen, sondern man muss versuchen, nicht im großen Heer der Verrückten zu landen. Mark Aurel

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von „Leser“ ()

      Leser schrieb:

      So ist es. Nicht aufgeben. .........

      ......Von nichts kommt nichts, heisst es nicht umsonst oder glaubt jemand, manche tun nur so wie sie scheinen wollen?

      LG


      Das ist auch genau mein Standpunkt.
      Wer sich gehen lässt, resigniert und wartet, das irgend jemand hilft, ...der hat bereits verloren.
      Alles was du nicht selber anpackst, damit du einem Ziel näher kommst, wird in der Regel, kein Anderer für dich übernehmen.
      Kann es sein das der Start in das normale Leben im Osten besser war als im Westen ?

      Ich meine, wurden ehemalige Heimkinder nicht so ausgegrenzt und eher akzeptiert in der Gesellschaft ?
      Im Leben geht es nicht darum zu warten,
      dass das Unwetter vorbeizieht,
      sondern zu lernen im Regen zu tanzen. // Seneca
      Ich war als Kind schon immer sehr gut in der Schule und habe eigentlich immer daran geglaubt, dass der Weg aus meinen schwierigen Lebensverhältnissen genau über Schule und Ausbildung geht. Nach meinem Fachabitur habe ich eine Ausbildung zur Konditorin gemacht und anschließend noch ein Studium im Fach Ernährung und Hauswirtschaft (FH) drangehaengt, welches ich auch mit superguten Noten abgeschlossen habe.
      Aus meiner schweren Depression, die mich seit Kindertagen begleitet hat, bin ich allerdings dadurch nicht herausgekommen, sondern eher noch weiter reingerutscht, eigentlich sogar sozusagen bis unten zum Anschlag. Der Arzt, den ich während meines Studiums hatte, hat mir meine Depression überhaupt nicht geglaubt. Depression und gute Noten, das passte für ihn einfach nicht zusammen. Dabei war Lernen gerade für mich eine willkommene Ablenkung von meinen Problemen und auch von der Erinnerung an meine Kindheit. Sicher eine gute Ausbildung ist heutzutage sehr wichtig, man kann auf eigenen Beinen stehen. Es ist aber auch nicht alles.
      Ich wurde als Kind schwer misshandelt und auch viel gehänselt, wegen meiner behinderten Mutter. Das ist in mir drin und manchmal muss ich mich noch heute übergeben, wenn ich daran denke. Kotzgefühle, die mich praktisch jeden Tag begleiten. Alles ignorieren und leben als wäre nichts passiert, funktioniert eben auch nicht so einfach. Heute stelle ich zumindest nicht mehr so hohe Ansprüche an mich, ich muss auch nicht das Vorzeigeheimkind sein, daß es trotz aller widriger Umstände zu etwas gebracht hat. Heute gebe ich mir das Recht es eben nicht geschafft zu haben,was ich irgendwie auch logischer finde.

      Da gebe ich swinny recht. Das Ansehen von (ehem.) Heimkindern aus der Sicht der Westdeutschen? Lügenkinder, Klaukinder, Abschaum.

      swinny schrieb:

      Kann es sein das der Start in das normale Leben im Osten besser war als im Westen ?
      Ich meine, wurden ehemalige Heimkinder nicht so ausgegrenzt und eher akzeptiert in der Gesellschaft ?


      Ich persönlich weis es nicht, ABER, es war für mich definitiv überhaupt nicht leicht. Ich habe es hier im Forum bereits letztes Jahr geschrieben, das ich enorme Probleme mit meinem Lehrmeister (Mobbing) und auch ein paar Lehrlingen während der Ausbildung hatte, nach dem durchgedrungen war, das ich vorher in einem Heim für Schwererziehbare Kinder gewesen bin.
      Trotzdem habe ich mir meinen eigenen Weg freigeschaufelt, um mir das aufzubauen, wo ich heute stehe.
      Heute schaut es so aus.... und es hat damals schon begonnen, ....es ist mir scheixxegal was andere von mir denken, solange ich morgens ohne einen Schreck zu bekommen, in den Spiegel schauen kann.
      Mein Motto: Immer mit graden Rücken, fair und unbeirrt durchs Leben gehen.

      conan schrieb:

      Ich war als Kind schon immer sehr gut in der Schule........ Nach meinem Fachabitur habe ich eine Ausbildung zur Konditorin gemacht und anschließend noch ein Studium im Fach Ernährung und Hauswirtschaft (FH) drangehaengt, welches ich auch mit superguten Noten abgeschlossen habe.
      ........Dabei war Lernen gerade für mich eine willkommene Ablenkung von meinen Problemen und auch von der Erinnerung an meine Kindheit. ........ Heute stelle ich zumindest nicht mehr so hohe Ansprüche an mich..........Heute gebe ich mir das Recht es eben nicht geschafft zu haben,was ich irgendwie auch logischer finde.
      .........Das Ansehen von (ehem.) Heimkindern aus der Sicht der Westdeutschen? Lügenkinder, Klaukinder, Abschaum.


      Hmmm, das klingt für mich schon ein bischen strange. Einerseits schreibst du, das du durch deine umfassenden Aus- und Weiterbildungsaktivitäten sehr wohl abgelenkt worden bist, ...anderseits schreibst du, das das du es im Leben trotz Ausbildung zu nichts gebracht hast und das auch logisch ist????
      Dieser Logik kann ich im Moment überhaupt nicht folgen. Was hat das Eine mit dem Anderen zu tun?
      Die von dir genannten Prädikate zu Ost und West, würde ich auch für Ostheimkinder unterschreibe können. Ergo, waren weder die Einen, noch die Anderen Heimkinder, nach dem Heimaufenthalt besser oder schlechter als die jeweils anderen dran.
      Unabhängig davon, kommt es schon auf das Umfeld an.
      Da hier das Problem liegt, liegt ja auch genau hier die Lösung.
      Wenn ich mit meinem Umfeld nicht klar komme und ich frei in meinen Entscheidungen bin, dann wähle ich für mich final, mein Umfeld selber auszusuchen und somit zu ändern.
      Ist kein Vorwurf, aber wie gesagt, ich kann deiner Logik irgendwie nicht folgen.



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      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von „JW1HAL“ () aus folgendem Grund: 2 Beiträge zusammengefügt

      Bei mir war es eher so, das ich während der Heimzeit ausgegrenzt wurde. Mit uns wollte kein "normales" Kind spielen, oder eine Freundschaft eingehen. Wurde was kaputt gemacht, geklaut oder auch Kaugummi-Automaten aufgeknackt, waren es immer die bösen kriminellen Heimkinder.

      Als ich dann endlich 18 war, zog ich in mein erstes eigenes Zimmer. Ich machte ein Praktikum in einem Krankenhaus, und 1 Jahr später fing ich meine Ausbildung zur Krankenschwester an. Es war eine tolle Zeit, und ich fand Freunde, die mich so angenommen haben, wie ich war.
      Schlimm wurde es eigentlich erst, als ich meine Schwiegermutter kennenlernte. Anfangs war sie lieb und nett, aber als sie dann erfuhr, wo und wie ich aufgewachsen bin, ging für mich die Hölle los.
      Als es mal wieder zum Streit kam, bezeichnete sie mich doch tatsächlich als Mensch 2ter Klasse. O man, dass saß und verletzte mich ziemlich stark. Ihr Sohn wäre auch nur mit mir zusammen, weil wir ein gemeinsames Kind hätten. Wäre das Kind nicht da, hätte er mich längst verlassen. Ja, ich durfte mir viele Bosheiten von dieser Frau anhören. Als sie dann starb, war ich erleichtert, frei. Mich überkam ein Gefühl der Leichtigkeit. Es mag sich hart anhören, aber diese Frau war wirklich sowas von bösartig, und ich war froh, als sie weg war.
      Jahre später ging es mir psychisch nicht gut, und ich fiel in ein tiefes dunkles Loch. Doch aus diesem krabbelte ich immer wieder raus. Es hat zwar viele Jahre gedauert, aber es hat sich gelohnt.
      Ich habe sehr viel erreicht, und dies kann mir niemand nehmen.

      -Von Leuten, die immer alles besser wissen, können wir nichts lernen.-

      von Ernst Ferstl
      Ich meinte jetzt so die Startschwierigkeiten.
      Im Westen gibt es viele ehemalige heimkinder, denen die Bildung ( Schule ) verweigert wurde, sie mussten
      Kinderarbeit , die es in der BRD angeblich nicht gab, leisten , statt zur Schule zu gehen.
      Wenn sie dann ins Leben geworfen wurden, viele bekamen keinen Pfennig Geld bei der Entlassung, und sie wußten auch nicht wohin, denen blieb nichts anderes übrig als stehlen zu gehen, oder auf den Strich zu gehen , wenn sie überleben wollten, oder als Mädchen den Erstbesten zu heiraten der ihnen über den Weg lief.

      Lehrstelle ? Wie denn, ohne Schulabschluß ?
      Und wenn sie den hatten, in einigen Heimen gab es Unterricht, dann ging die Bürokratie los:
      Wo haben Sie bisher gearbeitet?
      Was haben Sie bisher gearbeitet ?
      Sind Sie in der Gewerkschaft?
      Wo wohnen Sie ?
      Diese Fragen konnte niemand beantworten.
      Ohne Arbeit keine Wohnung, ohne Wohnung keine Arbeit.
      Legte man den Entlassungsschein vor, winkten sowieso alle ab.

      Wie ich hier heraus lese gab es das so nicht im Osten, da haben doch alle eine Ausbildung machen können ?
      Also war die Gesellschaft wohl toleranter ?
      Im Leben geht es nicht darum zu warten,
      dass das Unwetter vorbeizieht,
      sondern zu lernen im Regen zu tanzen. // Seneca

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von „swinny“ ()

      Ich kam mit knapp 11 nach Klausheide, mit 14 begann ich eine Konditorlehre in Lüdenscheid, kam dann nach Appelülsen, ich war fast 10 Jahre mit kurzen Unterbrechungen immer in irgendwelchen katholischen Heimen. Mit 20 dann zur Bundeswehr als W18 und dann begann meine Seefahrerzeit und später der Job auf Borhrinseln. In dieser langen Zeit wurde ich immer versorgt, mit Essen, Geld und Unterkunft. Kritisch wurde es erst, als ich die Schnauze voll von der Welt hatte und die heile Welt suchte und nicht fand. St. Pauli war auch keine heile Welt und der Sprit auf Dauer auch keine Lösung...irgendwie alles Mist, wenn man nicht gelernt hat selbstverantwortlich zu handeln.
      Natürlich habe ich irgendwann die Kurve gekriegt, aber die Heime der Kinderficker-Sekte tragen einen großen Anteil daran, dass dies erst so spät geschah und ich ein ziemlich paradoxer Mensch geworden bin der die Angst vor Nähe nicht wirklich überwunden hat.
      Und nein, verzeihen werde ich diesen Talarträgern nie!

      swinny schrieb:

      Ich meinte jetzt so die Startschwierigkeiten.
      ..... denen die Bildung ( Schule ) verweigert wurde,
      ......sie mussten Kinderarbeit , die es in der BRD angeblich nicht gab, leisten , statt zur Schule zu gehen.
      ...... viele bekamen keinen Pfennig Geld bei der Entlassung, und sie wußten auch nicht wohin, denen blieb nichts anderes übrig als stehlen zu gehen, oder auf den Strich zu gehen , wenn sie überleben wollten, oder als Mädchen den Erstbesten zu heiraten der ihnen über den Weg lief.

      Lehrstelle ? Wie denn, ohne Schulabschluß ?
      Und wenn sie den hatten, in einigen Heimen gab es Unterricht, dann ging die Bürokratie los:
      .......Ohne Arbeit keine Wohnung, ohne Wohnung keine Arbeit.
      .......Legte man den Entlassungsschein vor, winkten sowieso alle ab.

      Wie ich hier heraus lese gab es das so nicht im Osten, da haben doch alle eine Ausbildung machen können ?
      Also war die Gesellschaft wohl toleranter ?


      Yepp, wenn du es so im Detail beschreibst (obwohl ich hier einiges nicht ganz nachvollziehen kann, siehe Schlußsatz), dann kann man wohl doch sagen, im Osten lief das wesentlich zivilisierter ab.
      1. In der Sache gab es im Heim immer einen Schulabschluss, entweder 7. Klasse (das war dann ganz übel, bedeutet maximal Beruf als irgend ein Hilfsarbeiterjob), oder 8. Klasse (Ich z Bsp habe nur die 8. Klasse, mir wurde empfohlen, nicht bis zur 10. zu gehen, weil ich dort vermutlich fürchterliche Zensuren hätte und besser mit einem guten Zensurdurchschnitt in der 8. Klasse raus zu gehen, .....aber auf dieser Basis konnte man schon einen vernünftigen Facharbeiterberuf erlernen, bei der die Ausbildung dann statt 2,5 Jahre, eben 3 Jahre gedauert hat, ...bei mir war es ein perfekter Universalberuf, alsTiefbaufacharbeiter, der hatte 4 Berufe in sich vereinnahmt: Erdbau, Strassenbau, Mauerwerksbau, Vermessung), wenige haben in Heimen die 10. Klasse abgeschlossen.
      2. Ausbildung zu einem Beruf gab es in Heimen nicht. Wenn Ausbildung, dann im Jugendwerkhof (war ich nicht, kann da nichts genaues berichten, ausser, das es eine sehr eingeschränkte Berufsfeldauswahl gewesen ist/Maurer, Schlosser, Transportarbeiter, Lagerarbeiter usw usw).
      3. Geld hat niemand bekommen, wie auch, wenn man Schule macht. Wir haben aber auch tatsächlich ein paar Wochen im Jahr in Fabriken gearbeitet (bei mir war es das Antennenwerk Bad Blankenburg). Ich meine aus der Erinnerung, wir haben ein paar Pfennige Taschengeld dafür bekommen. Ich habe vor ein paar Jahren für diese Arbeit aber eine Entschädigung im Zuge der Heimentschädigung erhalten, weil uns Rentenpunkte entgangen sind, was für mich aber kein wirklicher Verlust ist. (Auf Stystemrente pfeiff ich, die ist eh nur bis 2025 sicher, wenn sie es überhaupt bis dahin schafft)
      4. In der Regel hat sich das Heim, das Jugendamt und die Eltern um eine Ausbildung gekümmert (bei mir war das so und auch bei anderen Kindern in meinem Heim), so das ich nahtlos aus dem Heim, nach Hause und in eine vollwertige Facharbeiterausbildung gekommen bin. (In der ich dann Probleme mit meinem Lehrmeister bekommen habe, weil durch gedrungen ist, das ich aus dem heim komme (siehe Posting 2,3 Posts höher.))
      Also von daher haben wir im Osten sicher eine bessere Startchance bekommen als die Kinder im Westen.
      Allerdings muss man diese Chance auch als solche Erkennen und sie vor allem nutzen, so lange sie sich bietet.
      Task Nr 1 war, egal wie, die Ausbildung in jedem Fall zu ende zu bringen, denn mit abgebrochener Ausbildung nimmt dich niemand.
      Ich heute auch nicht (bin bis auf 3 Jahre Ausbildung damals und 1 Jahr im Angestelltenverhältnis auf Phuket, selbstständiger Unternehmer), ....wer abgebrochen hat, ist bei mir als Bewerber komplett unten durch, kann nicht bei mir arbeiten, weil es deutlich zeigt, das die Person nicht einmal wirklich wichtige Dinge zu ende bringen kann. Klingt hart, ist aber so. Eine abgebrochene Ausbildung in der Vita ist fast ein Todesurteil auf dem Arbeitsmarkt.

      Was mich jedoch extrem verwundert ist, das eure Jugendämter im Westen, bei der Entlassung nicht aktiv wurden, denn so liesst sich dein Text. Das kann ich mir kaum vorstellen, da das genau der Job von denen ist, die Heimkinder wieder in den Alltag (Arbeit, Wohnung, normales oder betreutes Leben) einzugliedern.

      lutz schrieb:


      Ist kein Vorwurf, aber wie gesagt, ich kann deiner Logik irgendwie nicht folgen.

      Übersetzt heißt das,ich habe daran geglaubt mit Berufsausbildung und Beruf aus meiner Kinderkacke rauszukommen, aber irgendwann gemerkt, dass das nicht möglich ist. Ich bin während meiner Kinderheimzeit psychisch erkrankt und solche Erkrankungen haben auch ihre Macht, kosten Kraft und machen es oft auch unmöglich einen normalen Arbeitsalltag auszuhalten. Ich bin zur Zeit arbeitslos und irgendwo da, wo ich mal angefangen habe. Logisch finde ich es im nachhinein schon und auch realistischer.
      Andere in dem Sinne logisch nachvollziehen zu wollen, ist wohl immer schwierig, weil man dessen Leben eben nicht gelebt hat.
      Swinny hat vollkommen recht. Im Osten kümmerte man sich mehr um den Menschen. Er war solidarischer. Es begann schon in der Schule und wer Schwierigkeiten hatte, wurde nicht einfach fallengelassen. Überall gab es ein System, das einem half, wenn es ernst wurde. In der Beziehung war das System generell menschlicher als heute oder wie es im Westen war und heute die Realität zu sein scheint. Ich hab nur im Osten gelebt und gearbeitet. Insofern fehlt mir praktisches Wissen über die, die im Westen leben. Im mdr TV läuft übrigens gerade, wer beherrscht Deutschland oder weshalb ist der Osten so anders? Ich schaus mir an.
      Es ist nicht das Ziel des Lebens, auf Seiten der Mehrheit zu stehen, sondern man muss versuchen, nicht im großen Heer der Verrückten zu landen. Mark Aurel

      conan schrieb:

      lutz schrieb:


      Ist kein Vorwurf, aber wie gesagt, ich kann deiner Logik irgendwie nicht folgen.

      Übersetzt heißt das,ich habe daran geglaubt mit Berufsausbildung und Beruf aus meiner Kinderkacke rauszukommen, aber irgendwann gemerkt, dass das nicht möglich ist. Ich bin während meiner Kinderheimzeit psychisch erkrankt und solche Erkrankungen haben auch ihre Macht, kosten Kraft und machen es oft auch unmöglich einen normalen Arbeitsalltag auszuhalten. Ich bin zur Zeit arbeitslos und irgendwo da, wo ich mal angefangen habe. Logisch finde ich es im nachhinein schon und auch realistischer.
      Andere in dem Sinne logisch nachvollziehen zu wollen, ist wohl immer schwierig, weil man dessen Leben eben nicht gelebt hat.


      Das meinte ich aber. Arbeit und "Kinderkacke" sind ja 2 völlig verschiedene Dinge. Das eine befindet sich im JETZT und das andere in der Vergangenheit, die man nicht aufarbeiten/abschliessen konnte.
      Was psychische Erkrankungen betrifft, da kann ich sicher nicht mitreden, hatte ich nie und habe es wohl auch aktuell nicht, ganz im Gegenteil.

      Mich hat die Heimzeit mental enorm stark gemacht, wenn mir jemand den Spitznamen Teflon geben würde, wäre der nicht nur ziemlich treffend, ich würde ihn auch nicht mal abwertend empfinden. Ohne die Heimzeit, wäre ich mglw viel softer geworden sein, was mir im Nachinein betrachtet, viele Türen versperrt gelassen hätte. Darum bereue ich die Heimzeit auch nicht, auch wenn sie z.T. sehr hart gewesen ist. Ich sehe heute rückblickend nur das Positive, was ich mitnehmen konnte. Wenn ich mich auf das Negative in der Vergangeheit konzentriren würde, würde ich mich nur mental und ohne Grund, runter ziehen und vor allem hätte es keinen einzigen Nutzen für mein Leben jetzt. Alles ist bereits geschehen, daher nicht umkehrbar, weshalb ich es als Abschnitt in meinem Leben, ohne wenn und aber, akzeptiere.
      Alles fängt im Kopf an.
      Wenn meine Gedanken negativ sind, dann werde ich mich auch nicht gut fühlen. Wenn ich optimistisch denke, ...und das mache ich schon mein Leben lang, dann läuft auch alles viel und oft besser. Und wenn man mal auf die Fresse fliegt, weil das nun mal passieren kann, dann wird gefälligst wieder aufgestanden, daraus gelernt und mit noch mehr Einsatz, weiter gemacht.
      Wenn ich hier an diesem Punkt schon aufgeben würde, nur weil ich mal etwas nicht auf die Reihe gebracht habe, dann habe ich mich völlig grundlos selber aufgegeben. Und was dann kommt, ist natürlich eine Spirale abwärts, aus der ich dann mglw eines Tages nicht mehr alleine raus komme.
      Darum darf man sich nie selbst aufgeben. Wenn du in solch einem Fall schon selber nicht an dich glaubst, wie sollte dann ein Anderer an dich glauben?!