Wie kamt ihr nach dem Heim mit eurem Leben klar?

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      Die Frage ist doch, was nützt mir die Vergangenheit für mein weiteres Leben, also für die Zukunft?

      Man kann mal zurückblicken, um darüber zu berichten, es weiter zu geben, dafür zu sorgen, dass es nicht so schnell vergessen wird. Alles andere wäre wohl doch sehr sinnfrei, weil man daran nun mal nichts ändern kann, egal was man macht.

      Nur die Zukunft kann man ändern und auch nur darauf sollte man sich konzentrieren.
      Wer lesen kann ist klar im Vorteil!

      Das ist richtig, auf die Zukunft sollte man sich auf jeden Fall konzentrieren und das Leben leben, solange man es noch selbst beeinflussen kann.
      Klar habe ich mein Leben lang immer mal wieder an diese Zeit von damals zurück gedacht. Ich habe mich auch gefragt, was aus den ehemaligen Jugendlichen geworden ist und ob alle den Start ins Leben gut geschafft haben. Dann lange Zeit nicht mehr daran gedacht, denn zu verarbeiten hatte ich direkt eigentlich so gut wie nichts, ausser dass man mir wertvolle Zeit gestohlen hatte. Kontakte hatte ich bis dahin keine. Dann zog das Internet ein. Bei AOL 10 Stunden im Monat, damals noch mit einer DVD?
      Ich habe bei Google "Jugendwerkhof Burg" eingegeben und plötzlich war ich im Forum von Mike Jung und die Vergangenheit hatte mich wieder. Ich fand auch sofort eine Ehemalige aus meiner Gruppe wieder, die Freude war groß, hielt jedoch nicht lange an. Besonders ein User tobte durch das Forum und machte einigen das Leben zur Hölle.
      Schon oft habe ich mich in selbst auferlegte Pausen begeben und Tschüß zum Forenleben und der Vergangenheit gesagt. Ich habe an vielen Treffen teilgenommen, war einige Male in Burg und habe aber auch sehr wertvolle Frauen kennen gelernt, zu denen heute noch freundschaftliche Kontakte bestehen. Dafür bin ich dankbar.
      Es zog mich aber immer wieder ins Forum, sicherlich weil ich ein Teil dieser Gemeinde bin.

      Mozart schrieb:

      "...aber es gibt Licht und Schatten..." So könnte ich "das Leben danach" mit wenigen Worten auf den Punkt bringen. Ich bin dankbar dafür, dass es mir gelungen ist, ein selbstbestimmtes Leben führen zu können. Dazu brauchte ich ein Umfeld, in dem so etwas möglich ist.


      Wem bist du dankbar? Deinem Umfeld oder deiner Intuition, die dich geführt hat? Natürlich braucht jeder jemanden, damit man es schafft. Auch ich behaupte, halbwegs soweit auf eigenen Beinen zu stehen und vielleicht gab es sogar Leute, die an einen geglaubt haben? Somit geholfen haben, nicht fallen gelassen haben?

      Nichts kommt von nichts und dankbar kann ich auch jmd. sein, mich bisher ertragen zu haben. Ansonsten wächst Selbstvertrauen auch dadurch, in dem man lernt, gegen den Strom zu schwimmen. Das kann weh tun aber es gibt dir auch Kraft, an dich selbst zu glauben, dir zu vertrauen, auch wenn viele Zweifel da sind und das ist gut so.am Ende spielt dennoch auch Glück und sogar Zufall eine Rolle.
      Es ist nicht das Ziel des Lebens, auf Seiten der Mehrheit zu stehen, sondern man muss versuchen, nicht im großen Heer der Verrückten zu landen. Mark Aurel

      iwo schrieb:

      Ja, wie kam man zurecht?
      Entlassung mit 17,5 Jahren zurück ins intakte Elternhaus. Das war im August 1972. Im September dann eine Lehre begonnen und in dem Betrieb bin ich dann bis 1988 geblieben.
      Von meiner Vergangenheit wusste nur der Kaderleiter. Seit dem stand ich bis auf ein paar ganz kurze Unterbrechungen und einer erneuten Ausbildung immer in Arbeit.
      Was habe ich gelernt aus meinem Aufenthalt im Heim/Jugendwerkhof?
      Gesundes Misstrauen allem und allen gegenüber aufzubauen. Nein eigentlich nicht aufbauen, es ist sofort da. Mich hat der Aufenthalt dort eher gestärkt, meine Rechte nach der Entlassung sofort durchzusetzen.
      Mich von NIEMANDEM mehr unter Druck setzen zu lassen. Und ich habe mich nie wieder verbogen, nur um anderen Leuten zu gefallen.
      Das war vorher nicht so, da wollte man zur Gruppe dazu gehören und hat Dinge getan, die oftmals nicht richtig durchdacht waren.
      Nach 2009 habe ich ganz offen über diese Zeit und die Vergangenheit in meinem Umfeld gesprochen und stieß eigentlich nie auf Ablehnung. Meist waren die Zuhörer sogar entsetzt, was man mit uns Jugendlichen zu der damaligen Zeit angestellt hat, nur weil wir ANDERS dachten.


      Hey, woher kennst du mich?
      Das hätte auch meine Geschichte sein können, bis auf das ich mir auch schon in der Heimzeit habe nicht viel gefallen lassen.
      Gesundes Misstrauen ist immer gut, denn es ist ein natürlicher Schutzinstinkt und schützt einen vor Gefahren.

      Ich für mich kann grundsätzlich sagen, so hart die Zeit in den Heimen auch gewesen ist, mich hat es vor allem mental hart fürs Leben gemacht. Niemand tanzt mir auf der Nase rum, ich setze mir Ziele und erarbeite sie mir im Anschluß, ich bin aufgrund des im Heim erlebten, als Mann unabhängig, kann kochen, Socken stopfen, Wäsche waschen etc, alles was man eben im Alltag braucht. Rückblickend kann ich sogar vieles Positive sehen, was ich so, bei den Eltern lebend nie erlebt oder erlernt hätte. Wir haben im Heim als Kinder so viel Blödsinn angestellt und ausgelebt, da wäre zu Hause die Schmerzgrenze meiner Eltern schon lange überschritten gewesen. Das Friss oder Stirb-Leben hat mich gelehrt, immer nach dem höchsten aber machbaren zu streben. Und es funktioniert.

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      Ich war 15 Jahre alt als ich aus dem Heim entlassen wurde und wohnte dann bei meinen Eltern. Am meisten habe ich die Freiheit genossen. Im Heim lebte man immer nach der Uhrzeit. Jede Stunde war genau geplant. Meine Eltern wohnten ca. 30 km von der Schule entfernt, die ich bis zu diesem Zeitpunkt besucht hatte. Ich durfte diese Schule auch weiterhin besuchen. Da die Busverbindungen sehr schlecht waren, musste ich sehr früh aufstehen. Ich war dann immer schon um 7.00 Uhr an der Schule, obwohl die Schule erst um 8.00 Uhr begann. Aber das war mir egal. Besonders schön war es, nach der Schule mit meinen Klassenkameraden zusammen etwas zu unternehmen. Das durfte ich zu meiner Heimzeit nie.
      Ich weiß noch, dass ich mir als erstes eine Beatles LP gekauft habe. Die Beatles waren eigentlich schon lange out, aber ich hörte sie gerne, manchmal stundenlang.
      Zur Schule bin ich auch immer gerne gegangen und habe auch danach eine Berufsausbildung abgeschlossen.
      Über meine Zeit im Heim habe ich allerdings kaum gesprochen. Ich hatte immer das Gefühl nicht richtig verstanden zu werden. Wenn man nicht selbst in einem Heim gross geworden ist, kann man das nicht wirklich nachvollziehen. Das glaube ich zumindest. Manche stellten sich das Leben im Heim sogar sehr schön vor, andere wiederum sprachen von meinen Eltern als "Rabeneltern". Nee danke, ich habe es dann gelassen davon zu erzählen. Heute weiß aus meinem Freundes-und Bekanntenkreis keiner, dass ich mal im Heim war.

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      Ich weiß nur, dass ich mir sehr viel später, also erst, als das möglich war, Rolling Stones Platten gekauft habe, dabei hatte ich das Meiste eh schon auf Tonbandern gespeichert, doch das reichte natürlich nicht, um seine Idole zu hören. Bisher hörte ich die Bänder nur in schlechterer Stereo-Qualität. Die Platten, auch viele, die ich noch nicht auf Band hatte, hatten nun eine ungleich besere Qualität, die ich dann verrückterweise auch wieder auf Tonband, dieses Mal Kassetten umgeschnitten hatte, damit man sie auch unterwegs hören konnte. Natürlich hatte die Musik auch etwas damit zu tun, wie man nach dem Heim klar war, denn der Inhalt einer Reihe der songs reflektierte einen Teil der Kindheit und Jugend und nach der Entlassung lebte ich diese Musik, so wie Musik nach wie vor ein wesentlicher Bestandteil meines Wesens blieb.

      Ansonsten gab es auch so einige Konflikte, die nach der Heimzeit sporadisch immer wieder einmal mitschwangen und das Leben einerseits leichter machten, andererseits aber auch in Konflikte gerieten ließ, die vielfach auch mit dem früheren familiären Umfeld und damals unbewältigter Konflikte zu tun hatten. Erst gestern musste ich dazu wieder einmal bei jemandem auf den Tisch hauen, denn Lügen ertragen, nie wieder! Manches wäre nie geschehen, wenn es Konflikte derer nicht gegeben hätte, die uns in die Welt setzten, sie uns einerseits fesselten, mit Liebe erdrückten, manipulierten und andere Teile von ihnen logen, sie sich die Welt schön redeten, dabei war vieles falsch und innerlich war man doch nie frei.

      Der Weg, sich seine vermeintliche Freiheit zu nehmen, der war lang und nie einfach. Für andere war das hart doch woher die eigene Härte kam, danach wurde nie gefragt. Am Ende, wenn alles immer nur verdrängt wurde, kommt doch alles auf den Tisch und dann ist es zu spät.

      Es ist nicht das Ziel des Lebens, auf Seiten der Mehrheit zu stehen, sondern man muss versuchen, nicht im großen Heer der Verrückten zu landen. Mark Aurel

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