Fürsorgeerziehungsheim in Biedenkopf - Staffelberg

    Es gibt 5 Antworten in diesem Thema. Der letzte Beitrag () ist von Robert.

      Fürsorgeerziehungsheim in Biedenkopf - Staffelberg

      Wer war im Fürsorgeerziehungsheim in Biedenkopf - Staffelberg? An was könnt ihr euch aus dieser Zeit erinnern? Hier könnt ihr über alles schreiben, was euch dazu einfällt.
      Hinweis:

      Der Forengeist beinhaltet mehrere Accounts von ehemaligen Teammitgliedern,
      die uns vor langer Zeit verlassen haben und welche viele Erstbeiträge von den Heimen erstellten.

      Es ist somit also ein reiner Systemaccount,
      hinter dem keine reale Person steht, die auf Beiträge oder PN´s antworten kann.

      Seht also bitte davon ab, dem Forengeist zu schreiben, da ihr keine Antwort erhalten werdet.
      1965 bis 67 war ich dort.
      Ich kam mit 14 Jahren dorthin,das war das Mindestalter.
      Das Höchstalter im Taunusheim war 12 Jahre.
      Die zwei Jahre dazwischen waren schlimm.
      Nachdem ich die Aufnahmeprüfung zur OSO,der Odenwaldschule als Zweitbester bestanden habe,
      ich mich dort nicht ein und unterordnen konnte,nach 2 Jahren Taunusheim ist man asozialisiert,
      wurde ich u.A. in der Jugendpsychiatrie der Universitätsklinik Frankfurt zwischen gelagert.
      Auch die Erwachsenenpsychiatrie durfte ich als Kind kennen lernen.
      Ich wurde mit ruhig gespritzt,auf eine Bahre geschnallt und mit einem Rettungswagen nach Biedenkopf verfrachtet.
      Meine Ankunft dort war spektakulär.
      Ich kam sofort in den "Karzer",eine Einzelzelle.
      Die ersten Tage realisierte ich gar nicht was geschah.
      Man wusste nicht was von mir zu halten war,also verblieb ich für ca. 6 Wochen im Karzer.
      Eine Isolationszelle,2/3 Zelle,1/3 Vorraum mit Waschbecken und Toilette.
      Abgetrennt durch ein Gitter wie es in amerikanischen Filmen zu sehen ist.
      Ich musste den ganzen Tag auf dem Hocker sitzen,Zuwiderhandlung wurde bestraft.
      Die Pritsche war fest in der Wand verankert,legte ich mich tagsüber hin,wurde für die folgende Nacht die Decke weg genommen.
      Das Fenster war aus Panzerglas,ließ sich logischerweise nicht öffnen und war von aussen mit weisser Farbe gestrichen.
      Lesestoff oder ein anderer Zeitvertreib war nicht vorgesehen.
      Drei Mahlzeiten am Tag,gebracht von Zöglingen,denen strengstens untersagt war mit mir zu sprechen,
      waren die einzigen Abwechslungen.
      Der Erzieher,Bartel,von dem noch zu sprechen sein wird,kam hin und wieder in den Karzer
      um mit mir zu sprechen,d.h. er versuchte es.
      Ich hatte mich total abgeschottet und gab keine Antworten.
      Das hat er einige Male hingenommen,dann fing er an zu schlagen.
      Was mich erst recht verstockt machte,Schläge war ich vom Taunusheim gewohnt.
      Das ging ca. 6 Wochen so,danach wurde ich zu den anderen Zöglingen gegeben.
      Und sofort zur Arbeit gezwungen.
      Davon später mehr,es gibt viele schlechte Erinnerungen an Staffelberg,
      ich könnte ein Buch schreiben.

      Neu

      Gut,weiter zur Arbeit in Staffelberg.
      Der geschlossenen Abteilung war eine Werkstatt angegliedert.
      Dort wurden Autositze montiert.
      Rahmen und Federn wurden getrennt angeliefert,
      wir mussten die Federn in die Rahmen eindrehen und verhaken.
      Eine simple und eintönige Arbeit,jedoch mit erhöhter Verletzungsgefahr.
      Die Federn waren eingefettet und es gab kaum einen Tag an dem ein Zögling sich nicht
      beim montieren der Feder verletzte.
      Zumeist kleine Fleischwunden,die wurden an Ort und Stelle behandelt
      und es wurde weiter gearbeitet.
      Der Arbeitszieher oder Aufseher kam von ausserhalb,er hatte mit den
      anderen Erziehern nichts zu tun,der kam,machte seine Stunden und ging.
      Von ihm hatten wir nichts zu befürchten,im Gegenteil,mitunter gab er
      eine Runde Zigarretten aus.
      Tabak und Zigarretten waren die Währung in Staffelberg,
      eine perfekte Vorbereitung auf Gefängnis oder Zuchthaus.
      Kommen wir zur Entlohnung für eine 40 Stundenwoche.
      Es wurde jedem Zögling ein Betrag von 5 DM gut geschrieben.
      Am Ende der Woche durfte man einen "Wunschzettel"einreichen,
      zur Auswahl standen Zigarretten(kein Tabak,nur "Aktive"),Kosmetik(Zahnpasta,Seife) so wie Schokolade.
      Zigarretten und Schokolade wurden mit dem Namen des jeweiligen Zöglings versehen
      und in einem Schrank weg gesperrt.
      Nach dem Mittagessen,der Arbeit und dem Abendessen rief der Erzieher:Rauchpause!
      Wir stellten uns an und jeder bekam aus seiner Packung eine Zigarette oder ein Riegel Schokolade.
      Feuer hatte nur der Erzieher.
      Sollte in der Werkstatt ein bestimmtes Pensum erreicht werden und es wurde erreicht,
      gab es eine Extra Rauchpause.
      Wer sich weigerte zu arbeiten wurde eingesperrt,nicht in den Karzer,sondern in seiner Zelle.
      Da fiel natürlich die Rauchpause weg.
      Später,in Bremen,bekam ich Taschengeld ohne jegliche Vorleistung von mir.
      Ich fragte nach und mir wurde gesagt,dieses Taschengeld kommt vom Jugendamt.
      Ich habe also für nix und wieder nix für den Landeswohlfahrtsverband Hessen gearbeitet.
      Da ist die Rentennachzahlung welche mir der Heimfond zuerkannt hat der reinste Hohn.
      Diese Arbeit habe ich bis zu meiner Verlegung in das "halboffene"Haus gemacht.

      Fürsorgeerziehungsheim in Biedenkopf - Staffelberg

      Neu

      .
      Hallo Robert,

      Vielen, vielen Dank an Dich !!

      Ich arbeite im Internet an der
      HEIMKINDER-SACHE schon seit dem Jahre 2003.

      Deine Beschreibungen der Vorgänge und Zustände im »
      Fürsorgeerziehungsheim in Biedenkopf - Staffelberg« sind – soweit ich weiß – die einzigen solchen Beschreibungen im gesamten Internet !!

      Niemand zuvor hatte es bisher als wichtig angesehen
      darüber zu berichten.

      Nun meine persönliche Frage:

      Für welche Firma / Für welche Firmen wurden diese Autositze montiert ??

      Für welche andere Firma / Für welche anderen Firmen wurden in
      Biedenkopf - Staffelberg welche weiteren Industriearbeiten ausgeführt und welche weiteren Industriegüter hergestellt ??

      Sobald ich die Antworten zu all diesen Fragen habe werden ich
      diese Fakten überall im Internet wo Betroffene, sowie dafür Verantwortliche, lesen uneingeschränkt weiterverbreiten.

      Wir decken auf was andere zu verstecken und zu vertuschen suchen.

      Grüße aus Down Undern (wo ich schon seit dem 24.03.1964 ansassif bin)

      Martin MITCHELL (ex-Freistätter der frühen 60er Jahre)

      .
      Freiheit ist keine Selbstverständlichkeit; Freiheit bedarf ständiger Wachsamkeit!

      Neu

      Hallo Martin,

      das kann ich nicht sagen,höchstens vermuten.
      Geographisch wären die nächsten Autowerke VW in Baunatal
      oder Opel in Rüsselsheim.

      Es ist richtig das von Staffelberg vieles vertuscht wird.
      Der LWV Hessen hat ein Archiv das lange zurück reicht,
      jedoch von Staffelberg so gut wie nichts berichtet wird.
      Ich denke es hängt auch mit den Aktivitäten der APO,später RAF zusammen.

      Gruß Robert

      Neu

      Der Alltag in der Geschlossenen Abteilung in Staffelberg.
      Es musste in der Werkstatt gearbeitet werden.
      Ausnahmen der "Küchenbulle" und der "Kapo".

      Zum Küchenbullen gibt es nicht viel zu sagen,er war allgemein unbeliebt was daran lag
      das er die Portionen einteilte und einer war halt immer unzufrieden.
      Er deckte den Tisch,war für das Besteck verantwortlich,es wurde jedesmal nach den Mahlzeiten gezählt.
      Wehe,es fehlte ein Teil,da war die Hölle los,bis das fehlende Teil wieder auftauchte.
      Alllgemein stand er immer unter Verdacht Lebensmittel für sich abzuzweigen.
      Später stellte sich heraus das ein Hilfserzieher Essen stahl,bzw. unterschlug.
      Davon später mehr.

      Der Kapo - ich bin mir heute noch nicht im Klaren was ich von ihm halten soll.
      Er hatte eine absolute Ausnahmestellung.
      Ein großer blonder Siegfried Typ kurz vor der Volljährigkeit und damit Entlassung.
      Er nahm mich als damals jüngsten unter seine Fittiche,was mir Schutz gab gegen Andere.
      Er hatte mir meistens das Essen in den Karzer gebracht und ihn hat wohl imponiert das ich
      widerspenstig ohne Ende war.
      Auch teilten wir den gleichen Musikgeschmack.
      Er hieß Peter Schneiker.
      Pro Forma sollte er die Woche über Reinigungsarbeiten ausführen,
      er war der Einzigste der eine wohnliche Zelle hatte,Grünpflanzen,Goldfischglas,Plattenspieler und,und und.
      Wir anderen hatten nicht mal einen Nachtisch,nur einen Spind für Arbeitskleidung,der stand im
      Keller und war nicht immer zugänglich.
      Er sagte immer,ich habe einen reichen Freund,wenn ich hier rauskomme fängt das Leben an.
      Er durfte seine Päckchen und Pakete die er reichlich erhielt behalten.
      Wir bekamen alles,bis auf Briefe abgenommen und bei der Rauchpause durften wir
      bitten etwas von unserem Eigentum zu erhalten.
      Heute würde ich vermuten das der Erzieher,Bartel,bestochen war.
      Das Einzigste was er auch nicht hatte war eine Toilette.
      Er musste nachts den Eimer benutzen.
      Das muss man sich mal vorstellen:
      Das Heim wurde 1963 eröffnet,als modernste Einrichtung dieser Art in Europa gefeiert -
      und dann nicht mal eine Toilette in den Zellen.
      Anfangs der 70er Jahre las ich in der Zeitung das ein Peter Schneiker in Darmstadt erstochen wurde.
      Ob es "der" Peter Schneiker war kann ich nicht sagen.
      Er ist mir jedoch als guter Freund in Erinnerung.

      Nun zum Alltag:
      6 Uhr kalt duschen,Frühstück,Arbeit,Mittagessen,eine Stunde Pause,arbeiten.
      Nach der Arbeit eine Stunde frei,Abendessen,spätestens um 20 Uhr Einschluss.
      In Einzel oder 4 Mann Zellen.
      In einer Viererzelle war ich nur eine Nacht,der Zellenboss befahl mir den
      Kübel zu reinigen,ich hab es ihm ins Bett geschüttet und wanderte wieder mal in Karzer,
      Danach hatte ich meine Ruhe in der Einzelzelle.

      Samstag vormittag Hausputz,nachmittags "frei",mitunter durften wir in den Hof,
      aber meist saßen wir dumm rum,spielten Karten oder Brettspiele.
      Langeweile ohne Ende,ich versuchte immer Lesestoff zu bekommen,gleich welcher Art.

      Sonntags grosse Schau.
      Alle Zöglinge,auch von der Geschlossenen,mussten in der Turnhalle antreten.
      der Heimleiter hielt das Wort zum Sonntag,wie wir es nannten.
      Die Geschlossene saß ganz hinten,streng getrennt von den Anderen.
      Mir ist nicht eine Rede im Gedächtnis geblieben.