Endschädigung bitte und keine allmossen

  • Neuer Heimkinderfonds für Entschädigungen beschlossen
    Von Sven Preger


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    Zehntausende haben in Psychiatrien und Behindertenheimen gelitten. Nun wird ihr Leid offiziell anerkannt, auch materiell. Der Heimkinderfonds II kommt. Das haben die Länder-Chefs entschieden. Dafür hat gerade NRW lange gestritten.
    "Der Knoten ist endlich durchgeschlagen", sagt Günter Garbrecht. Er ist Vorsitzender des Sozial-Ausschusses im NRW-Landtag und hat seit Jahren für den Fonds gestritten. Nun ist der SPD-Politiker erleichtert, dass es auf der Ministerpräsidenten-Konferenz eine Einigung gab: 9.000 Euro sollen alle die erhalten, die in der Vergangenheit in Psychiatrien oder Einrichtungen der Behindertenhilfe Leid erfahren haben. Die Zahl der Opfer, die einen Anspruch geltend machen können, wird auf insgesamt 97.000 geschätzt.
    Kinder- und Jugendpsychiatrie Marsberg Das ehemalige St. Johannes-Stift in Marsberg
    Sie wurden zwischen 1949 und 1975 in Westdeutschland bzw. zwischen 1949 und 1990 in der DDR weggesperrt, geschlagen und sexuell misshandelt. Lange haben Politiker wie Garbrecht und Interessensverbände um eine offizielle Anerkennung gekämpft. Bislang wurden nämlich lediglich die ehemaligen Heimkinder entschädigt. Dabei war es oft reiner Zufall, ob Kinder früher in einem Heim, einer Behinderten-Einrichtung oder einer Psychiatrie landeten. In NRW war in den vergangenen Jahren unter anderem das ehemalige St. Johannes-Stift in Marsberg im Sauerland kritisiert worden. Es ist in den Händen des Landschafts-Verbandes Westfalen-Lippe (LWL). Der hat 2013 – nach Berichten in der WDR-Sendung Westpol – eine Kontaktstelle für die ehemaligen Opfer sowie ein Forschungsprojekt zur Aufarbeitung eingerichtet. Dort haben sich seitdem etwas mehr als 100 ehemalige Opfer oder deren Angehörige gemeldet.
    Viele Betroffene kämpfen noch heute mit den Folgen
    Anhalter HeinrichHeinrich Kurzrock
    Wie stark das Leben eines ehemaligen Patienten aus Marsberg durch eine Kindheit und Jugend in der Psychiatrie geprägt ist, zeigt die investigative Doku-Serie #DerAnhalter auf WDR 5. Im Zentrum der Dokumentation steht Heinrich Kurzrock, der als Kind in den 1950er Jahren in das St. Johannes-Stift eingeliefert wurde. Das Stift gibt es heute nicht mehr, es ist eine moderne Kinder- und Jugendpsychiatrie.
    Doku-Serie: Der Anhalter | mehr
    9.000 Euro Anerkennungs-Zahlung
    Für die Opfer kommt die Einigung spät. Die Politik hat lange um die Höhe der Anerkennungs-Zahlung gestritten. Auf der Landes-Finanzministerkonferenz hatten sich mehrere Bundesländer gegen die geplanten 9.000 Euro pro Opfer gewehrt. Sie wollten maximal 7.500 Euro zahlen. Deswegen griffen nun die Länder-Chefs ein und einigten sich auf den ursprünglichen Plan: Zusätzlich zu den 9.000 Euro soll es eine gestaffelte Renten-Ersatzleistung von maximal 5.000 Euro geben, falls die Opfer in den Einrichtungen gearbeitet haben und keine Sozialversicherungsbeiträge gezahlt wurden, etwa in der Küche oder in Werkstätten. Das Land NRW hat seinen Anteil am neuen Fonds bereits für die kommenden Jahre im Haushalt zurückgestellt.
    Beschlossene Hilfe soll möglichst schnell bereitgestellt werden
    Nun wird die Stiftung "Anerkennung und Hilfe" gegründet, die alles abwickelt. Die Stiftung soll noch 2016 ihre Arbeit aufnehmen. "Ich hoffe, dass die Hilfe nun bald bei den Betroffenen ankommt", sagt Garbrecht. Ausgestattet wird sie nach momentanen Planungen mit 60 Millionen Euro, die zu je einem Drittel von Ländern, Bund und Kirchen getragen werden. Wie viele der geschätzten 97.000 Opfer ihren Anspruch geltend machen, ist noch nicht klar. Sicher ist: Der bürokratische Aufwand für sie soll möglichst gering sein. Wie genau die Opfer den entsprechenden Nachweis führen müssen, ist noch nicht klar. Bei 60 Millionen Euro Ausstattung und 9.000 Euro Anerkennungs-Zahlung reicht das Geld für etwa 6.600 Opfer.

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Kommentare 1

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    Dkpoint -

    ich finde es traurig , dass man in der Öffentlichkeit so gut wie nichts darüber erfährt ! Ist das gewollt oder soll man das Politik nennen ? Bin selber um 1966/67 in Delmenhorst im Wichernstift gewesen - ich weiß heute noch die "Medizin" die mir eingetrichtert wurde Truxal Saft und/oder Tabletten und Mogadan sowie noch anderes welches mir gerade nicht einfälllt.

    Nachdem ich im Alter von 11 Jahren mit einem Kumpel von dort mit einem Auto geflüchtet bin, hat man mich nach Bremen in den Ellener Hof gebracht (Haus 7 ). Hier war ich etwa bis zu meine 15 Lebensjahr . . . . . die "Medizin" habe ich bis zuletzt auch dort einnehmen müssen.

    Diese Zeit habe ich mein Leben lang nicht vergessen , habe noch einige Namen vom Erziehern und Kinder im Kopf - diese Zeit hat mich geprägt , wie so viele andere auch.