Kinderheim Neukirchen-Vluyn Haus Elim

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      Haus Sonneck in Neukirchen jetzt Vluyn

      Wer kann Hinweise auf das Kinderheim Haus Sonneck in Neukirchen , jetzt Vluyn geben, oder Kontakt zu ehemaligen in den Jahren 1955- 1956?

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      In diesem Heim war ich von Mai 1978 bis Februar 1979.
      Bevor ich in dieses Heim kam, kannte ich "Haus Elim" schon, da ich in einem Kinderheim im gleichen Ort groß geworden bin. Ich hatte das Grundstück allerdings noch nie betreten, da es mit einem großen Tor verschlossen war. Die Mädchen aus diesem Heim sah man nur selten, vielleicht mal in der Kirche, wenn gerade Konfirmation war. Aus diesem Grund wurde das Heim von einigen Einwohnern des Ortes auch fälschlicherweise für ein Mädchen- Gefängnis gehalten.
      Ursprünglich war das Heim ein Erziehungsheim. Zu meiner Zeit waren Erziehungsheime jedoch abgeschafft, zumindest hießen sie nicht mehr so.
      Ich war in diesem Heim in der Gruppe "Birkenhaus" untergebracht. Dieses Haus stand auf dem Gelände des "Hauses Elim" nur wenige Meter vom Haupthaus entfernt. Beim "Birkenhaus" handelte es sich um eine sogenannte "offene Gruppe", die im Gegensatz zu den geschlossenen Gruppen im Haupthaus Vorteile bzgl. der Anzahl der wöchentlichen Ausgangsstunden hatte.
      Es gab in dieser Gruppe ca. 14 Mädchen im Alter zwischen 14 und 17 Jahren und 3 Erzieherinnen. Die Zimmer waren Zweibettzimmer, die sehr spartanisch eingerichtet waren.
      Der Tagesablauf unterschied sich nicht allzu sehr von meinem vorherigen Kinderheim. Vor dem Frühstück wurde eine 15-minütige Morgenandacht gehalten, an der ich allerdings selbst kaum teilgenommen habe. Ich hatte einen längeren Schulweg und habe währenddessen gefrühstückt. Die Lebensmittel für Frühstück und Abendessen wurden von uns Mädchen eingekauft, so sollten wir auf das Leben nach dem Heim vorbereitet werden. Das Mittagessen kam aus der Küche des Haupthauses.
      Nach dem Mittagessen hatten wir unsere Ämter zu verrichten. Ämter waren z. B. Spülen, Fegen oder auch Flur bohnern. In dem kalten Winter 1978/79 ist auf der Etage über diesem Flur ein Heizungsrohr geplatzt. Das Wasser drückte sich durch die Lampenaufhaengungen, so dass der spiegelblank gebohnerte Flur praktisch hinüber war. Dieses Amt hatte sich dann also von selbst erledigt.
      Nach den Ämtern war Hausaufgabenzeit. Die Mädchen, die auf die Heimschule gingen, erledigten sie in der Schule. Die anderen auf ihren Zimmern.
      Ab 15.30.Uhr durften wir unseren Ausgang nehmen. Jeder hatte 4 mal die Woche für jeweils 1,5 Std. Ausgang. Man hatte auch die Möglichkeit den Ausgang auf 2 mal die Woche für jeweils 3 Std. zusammenzulegen.. Den durfte man dann auch abends von 18.30 Uhr bis 21.30 Uhr nehmen. Kurz nachdem ich in dieses Heim kam, wurde es so geregelt, daß der Abendausgang nur noch in einem bestimmten Jugendtreff im Ort verbracht werden durfte.
      An den anderen Tagen durften wir für eine halbe Stunde zum Einkaufen oder zum Rauchen das Heimgelaende verlassen. Während Rauchen in meinem vorherigen Heim streng verboten war, wurde es in diesem Heim erlaubt. Allerdings nur während des Ausgangs oder auf dem Schulweg, also außerhalb des Heimgelaendes. Hatten wir Hausarrest, so war im Keller des Hauses ein Raucherraum vorhanden, den wir für eine halbe Stunde nutzen durften. Rauchen war damals erst ab 16 Jahren gesetzlich erlaubt. Ich war erst 14 Jahre alt, durfte aber ebenfalls ins Raucherzimmer. Auch im nachhinein würde ich mich nicht darüber beklagen, mein Pensum an Hausarrest und Isolierungsstrafen wäre sonst entsprechend hoch ausgefallen.
      Zweimal die Woche hatten wir die Pflicht an einem Beschaeftigungsprogramm teilzunehmen, wahlweise Tischtennis, Basteln, Handarbeiten und Gitarre lernen. Ich habe mich für Tischtennis entschieden.
      In den Ferien durften wir zu unseren Angehörigen nach Hause fahren. In den Sommerferien allerdings nur 2-3 Wochen. Die restlichen Wochen mussten wir an einer Bibelfreizeit teilnehmen. Wer das nicht wollte, wurde verpflichtet in dieser Zeit in den Betrieben des Hauses zu arbeiten. Ansonsten durften wir auch alle 2 Wochen von Samstag mittag bis Sonntag abend nach Hause fahren. An den anderen Wochenenden hat die Heimleiterin Samstags und Sonntags nach dem Frühstück einen Gottesdienst abgehalten, an dem wir selbstverständlich Teilnahmepflicht hatten.
      Irgendwann Ende Januar wurde ich in die 2.Gruppe (geschlossene) des Haupthauses verlegt. Hier galt Pantoffelpflicht, also das Tragen von Hausschuhen war Pflicht und sollte uns das Abhauen erschweren. Ich hatte nur Clogs, aber weil gerade Winter war, ließen die Erzieherinnen das durchgehen. Mein Radio wurde mir weggenommen und auch das ganze Taschengeld. Die Fenster waren vergittert. Die Zimmer (Einzelzimmer) waren extrem klein. Es stand dort ein Bett mit einem kleinen Nachttisch daneben, das entsprach dann auch schon der Breite des Raumes. Die Länge des Zimmers entsprach der Länge des Betts und einem kleinen Spielraum, um die Tür zu öffnen.
      Zur Schule durfte ich ebenfalls nicht mehr, stattdessen musste ich in der Waschküche arbeiten. In dieser Zeit hat die Heimleiterin einen Antrag beim Gericht gestellt, um mich von der Schulpflicht zu befreien. Der Antrag wurde abgelehnt und ich wurde aus dem Heim entlassen.
      Was mir echt zu schaffen machte, war der Name des Heims "Haus Elim". Der Ort Elim wird einmal in der Bibel erwähnt. Ich hielt Elim für eine Abkürzung von Eliminierung, was übersetzt Isolierung, Ausrottung heißt und im Alltagssprachgebrauch auch schon mal im Sinne von Vernichtung verwendet wird. Ein wirklich unpassende Name für ein Kinderheim, in dem eine häufige Strafmassnahme eben genau Isolierung war. Da war der Name wohl Programm.
      Ich las diese wenig freudvolle Geschichte schon gestern und fand gestern Abend in der Bahn eigentlich kaum Worte dafür, etwas Vernünftiges darüber zu schreiben.

      Angefangen mit dem Eingangstor erinnert einen das an Filme wie "Die unbarmherzigen Schwestern" usw., oder gar an das Armenhaus des "Oliver Twist" aber auch das Innenleben, das du recht detailliert beschrieben hast, läßt einen nachdenklich machend zurück.

      Über diese spartanische Einrichtung in meinem Heim habe ich auch schon einmal vor ca. 12, 13 Jahren geschrieben. Bei mir lag die Zeit etwa 10 Jahre weiter tief im Osten liegend zurück. Nun hatte der immer nur wenig - weil eine Kinderheimmangelgesellschaft mit etwa 150-180 Kindern plus/minus gleichzeitig im gesamten Heim untergebracht, konnte halt nichts bieten und sollte es auch nicht - mit Spiel, Spaß und Freude zu tun. Es war schließlich ein Erziehungsheim, nicht so wie deines, das offiziell zu deiner Zeit keines mehr war und trotzdem freud- und trostlos genug schien. :|

      Allein die Beschreibung der winzigen Einzelzimmer läßt einen an Zellen erinnern. Geschweige perverse Bibelstunden abhalten müssen und alternativ, wer das nicht wollte, Arbeiten verrichten musste. Ja wenn das nicht zu Opportunismus erzog. Was dann? Das waren schlichweg Erpressungen und keine Alternativen! Bei uns gab es so gut wie keine Alternativen. Alles wurde gemeinsam gemacht, nur ich erkämpfte mir irgendwie eine Art Freiraum. Ich musste alsbald nicht Fußball spielen weil ich das nicht wollte und andere Interessen hatte. Ich las einfach viel und wollte immer viel mehr lesen und dazu brauchte ich viel Zeit, die ich mir erkämpfte und anfangs gab es richtig Probleme damit aber jemand gab dann offensichtlich nach. Selbst zu dieser Zeit damals war Widerstand möglich. :whistling:

      Schön, nicht so einen abartigen Kinderheimnamen tragen zu müssen wie das bei Euch der Fall war! Bei uns im fortschrittlicheren Osten wurden Heime wie meines oft nach berühmten Antifaschisten benannt. Manchmal waren das welche, die in der Zeit der NS-Diktatur in Konzentrationslager waren und später oder auch zuvor schon in den 30-iger, 40-iger bis frühen 50-iger Jahre in der früheren Sowjetunion im Stalinismus als Kommunisten ihren Weg machten, wobei wir bei der Politik gelandet sind, nur gehört die nicht hier her.

      Was mir immer wieder auffällt, dass nur sehr wenige user solche detaillierteren Beschreibungen aus ihren Kinderheimeinrichtungen abgeben. Du, @conan bist also auch eine Art Zeitzeugin. :hutab:

      Es ist nicht das Ziel des Lebens, auf Seiten der Mehrheit zu stehen, sondern man muss versuchen, nicht im großen Heer der Verrückten zu landen. Mark Aurel

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